Was erntest du im Herbst?

Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.– Rainer Maria Rilke
Der Herbst ist da. Goldenes Licht, kühlere Nächte, die Bäume im Festkleid – in Vorbereitung auf das Loslassen.Der Sommer war groß, wie Rilke sagt. Nun zeigt sich: Alles, was wir gesät haben ist gewachsen und gereift - und so wie draußen die Früchte reifen, so zeigt sich auch in uns, was wir gesät haben.
Welche Gedanken hast du in dir genährt?
Welche Gefühle haben dich durch dieses Jahr getragen?Und welche Samen tragen jetzt Frucht in deinem Leben?
Vielleicht erntest du Dankbarkeit, Vertrauen, Fülle.
Vielleicht aber auch Zweifel, Enge, Sorgen – das, was dich einlädt, noch tiefer hinzuschauen.
Das Außen ist Spiegel des Innen. Alles was jetzt da ist - jede Frucht - ist ein Spiegel deiner Saat.
Und wenn wir die Früchte in uns betrachten, werden wir auch spüren:
Nicht alles ist bekömmlich. Was willst ich mir wirklich ein-ver-leib-en, verdauen, als Nahrung für mein weiteres Sein? Denn Manches ist ungenießbar – faul, bitter, alt. Es dient mir nicht mehr, und ich sollte es mir besser vom Leib halten. Innere Ernte bedeutet auch, zu unterscheiden, was mich nährt – und was mich schwächt.
Oft ist es die Angst, die uns dazu bringt, unbewusst „falsche Früchte“ aufzunehmen.
Angst trübt den Blick. Sie lässt uns klein fühlen, ungenügend, abgeschnitten.
Sie blockiert den Fluss der Fülle, die uns eigentlich zusteht.
Eine Ernte in ganzer Fülle heisst, den Mut zu finden, ALLES anzuschauen:
Alle Früchte - die reifen und unreifen, die süssen und die bitteren, die frischen und die fauligen, die, die uns nähren und die, die uns vergiften. Es erfordert Mut hinzuschauen, aber dann ist es gar nicht so schlimm: und du kannst aussortieren. Was kann weg? Und
was will noch gesehen, gefühlt und integriert werden? Was gärt schon so lange ganz tief in uns, weil wir versucht haben, es ganz nach unten zu drücken. Was braucht unser Licht und unsere Liebe besonders dringend um zu wachsen und zu heilen? Welche blinden Flecken sind da noch und welche wunden Punkte? Hier sind wir wieder bei den inneren Anteilen: den Verlorenen, den Vergessenen, den Traurigen, den Wütenden: Schauen wir hin und holen wir sie mit all unserer Liebe ab. Es gibt nichts zu verstecken, nichts "unten zu halten" - wir konnten es ja nicht besser, es war wie es war. Aber wir können uns jetzt dafür entscheiden, mit dem Leuchtstrahler unserer Liebe, mit unserer inneren Sonne all die blinden Flecken zu durch lichten, und die Wunden ans Licht zu bringen, damit sich die wunden Punkte zu unseren Wundern verwandeln. Auch wenn das bedeutet, anders zu sein, nicht ins kollektive Bild von „Erfolg“ zu passen.
Es ist auch die Zeit, Nein zu sagen zu dem, was nicht (mehr) zu uns gehört. Wie die Natur ihre Blätter fallen lässt, dürfen auch wir die alten Häute abstreifen, die uns nicht passen –um uns wieder an den ursprünglichen Funken zu erinnern, mit dem wir dieses Leben betreten haben.Das „Ja“ unserer Seele, als wir uns entschieden haben: Ich wage dieses Abenteuer.
Ich bringe mein Licht in diese Welt. Ich bin hier, um inmitten der Angst in Verbindung und Freude zu bleiben.
So wird Loslassen zur Verwandlung: wie der Apfel, der nicht sofort roh verzehrt, sondern in einen Apfelkuchen mit Sahnehäubchen weiterverarbeitet wird, verwandelt sich auch in uns das, was gereift ist, in neue Nahrung für den nächsten Abschnitt des Weges. Was ist reif geworden, um vollendet und gefeiert zu werden? – Was will verwandelt werden? Vielleicht ein neues Projekt, vielleicht ein innerer Traum, der nun Gestalt annehmen will. Und was darf ich loslassen, weil es seinen Dienst getan hat und mir nicht länger dient?
So wird deine innere Ernte zu einem lebendigen Prozess: Nähren – Verdauen – Verwandeln – Loslassen.
Ich lade dich ein, deine persönliche Ernte zu würdigen – und zugleich schon die Samen für dein nächstes Werden zu spüren.
Und so wie die Blätter fallen, dürfen auch wir Altes, Verbrauchtes, Überholtes loslassen.
Los-lassen heißt nicht verlieren – es heißt auch leichter werden, frei werden. Damit Neues keimen kann, wenn der nächste Frühling kommt.
Der Herbst lädt uns ein, innezuhalten und zu würdigen. Nicht gegen uns selbst zu arbeiten, sondern zu ehren, was war – und es in Dankbarkeit in den Schoß der Erde zurückzugeben.
Er-INNER-e dich: Dein Inneres folgt denselben Rhythmen wie die Natur. Und manchmal braucht es den Herbstwind in uns, um wieder frei zu tanzen.
Mit der kommenden Herbst-Tagundnachtgleiche halten Erde und Himmel kurz den Atem an – in dieser Atempause ist Licht und Dunkel im Gleichgewicht. Und in der partiellen Sonnenfinsternis zeigt sich das Geheimnis: das Licht ist nur verhüllt, in Wahrheit ist es immer da und erinnert uns an das Licht in uns.
Auch wir selbst sind eingeladen, diesen kosmischen Spiegel in uns zu erleben: Wo finde ich mein Gleichgewicht? Wo erlebe ich Schatten, der mein Licht und meine Gaben verhüllt– und kann ich dennoch spüren, dass mein inneres Licht immer da ist? Diese Fragen tragen wir hinein in unser Wirken: in die Aufstellungen, in die Räume der Wunde(R)heilung, in die Ernte der eigenen inneren Früchte.
Denn da sind ja auch noch die Wunden, die heilen wollen. Sie gehören mit zur Ernte: das, was sich jetzt zeigt, was angeschaut und gewürdigt werden möchte. Wenn wir den Mut haben, unsere inneren Verletzungen nicht zu verdrängen, sondern ins Licht zu stellen, geschieht Wandlung. Dann wird aus der Wunde ein Wunder – ein Raum, in dem Heilung möglich wird.
Die Aufstellungsarbeit ist für mich genau das: ein Raum, in dem wir unsere inneren Früchte betrachten können – die süßen wie die bitteren. Ein Raum, in dem sichtbar wird, was uns nährt, was wir loslassen dürfen, und was sich in etwas Neues verwandeln will.
Ich werde bald mit unserer Heilreise im goldenen Licht der Toskana sein, meine Ernte würdigen, die süssen Feigen ernten, geniessen und wirken, so wie ich es liebe. Mit der Weite des Himmels atmen, auf den Spuren der Etrusker wandeln, im Meer und in den Quellen von Saturnia baden - und während der Herbst Tagundnachtgleiche und Sonnenfinsternis alle an ihr Licht erinnern:) Vielleicht bist du ja nächstes Jahr mit dabei, oder kommst mit nach Bali?
Meine Ernte ist reich, auch sortiere ich Unverdauliches aus, und was ich neu gesät habe, ist schon aufgegangen: Manches ist erst zart gekeimt, Manches ist noch im Wachsen und Manches ist jetzt (über) reif. Ein kleiner Aus- und Einblick in das, was kommt …..es wird eine Aus- und Weiterbildung, oder besser gesagt 'Innenbildung' in 2027 geben. Sie ist gewachsen aus meinem Weg der Wunde(R)heilung, aus den verschiedenen gelernten Aufstellungsformaten, aus meiner Erfahrung als Begleiterin – meiner reichen Ernte sozusagen:) Mehr dazu erzähle ich im nächsten Inspirationsbrief. Heute nur so viel: Es wird ein Weg des inneren Wachsens und des äußeren Wirkens. Innen heilen und ent-wickeln - Außen wirken.
Nun verabschiede ich mich zur ‚digitalen Auszeit', und hoffe, dir bald hier oder da 'in echt' zu begegnen.
Es ist so schön, dass Du hier bist!
In Dankbarkeit,
mit Herz und Licht,
herzlich(T)
Claudia





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