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ein Moment der Dankbarkeit - und was wirklich zählt

22. Sept.
8 Min. Lesezeit

Alle Bücher dieser Welt

Bringen dir kein Glück,

Doch sie weisen dich geheim

In dich selbst zurück.

 

Dort ist alles, was du brauchst,

Sonne, Stern und Mond,

Denn das Licht, danach du frugst,

In dir selber wohnt.

 

Weisheit, die du lang gesucht

In den Bücherein,

Leuchtet jetzt aus jedem Blatt -

 Denn nun ist sie dein.

 

Hermann Hesse

 

Nach so langer Pause schicke ich nun endlich diesen Brief ab. Seit Bali liegt er hier unvollendet in meinen Entwürfen. Ich schicke ihn nun 5 Monate später ab, voll mit all dem Aufgelaufenen, aus Freude und aus Trauer gleichermaßen geboren.

Während ich meine Zeilen vom April noch einmal lese, bleibe ich an meinen eigenen Worten hängen:

„Wir planen, überlegen, sichern ab und hoffen, dass sich das Leben anschließend freundlicherweise an unsere Vorstellungen hält.

Tut es nur leider ziemlich oft nicht.

Vielleicht zum Glück.“

Als ich das geschrieben habe, wusste ich noch nicht, was die nächsten Monate bringen würden.

Im Juni wurde mein zweiter Enkel geboren.

Ein neuer kleiner Mensch kam auf diese Welt, und wieder war da dieses kaum zu beschreibende Staunen darüber, dass ein Leben beginnt. Dass plötzlich jemand da ist, den wir vorher noch nicht kannten und der vom ersten Augenblick an zu uns gehört.

 

Und nur wenige Wochen später, im Juli, ist meine Freundin gestorben.

So plötzlich und so schnell, dass ich sie nicht noch einmal in die Arme nehmen konnte.

Dieser Satz tut mir selbst beim Schreiben weh.

Und ich möchte ihn auch gar nicht gleich mit einer Erkenntnis versehen, die alles irgendwie sinnvoll macht.

Manches tut einfach weh.

Manches lässt sich nicht in einen schönen spirituellen Satz verwandeln.

Vielleicht dürfen wir aufhören, das überhaupt zu versuchen.

Vier Monate liegen zwischen Bali und heute, und in diesen vier Monaten lagen Geburt und Tod plötzlich ganz nah beieinander.

Seitdem denke ich noch einmal anders über das Leben nach. Über dieses unglaubliche Kommen und Gehen und darüber, wie selbstverständlich wir morgens aufstehen und davon ausgehen, dass die Menschen, die wir lieben, auch morgen noch da sein werden.

Wir tragen Termine in unsere Kalender ein, verschieben einen Besuch, wollen uns nächste Woche melden und glauben, wir hätten noch Zeit.

Bis wir erfahren, dass es dieses nächste Mal nicht mehr gibt.

 

Und so lese ich heute meinen eigenen Satz „Vielleicht zum Glück“ anders: Es gibt Umwege, aus denen etwas Wunderbares entsteht.

Und es gibt Verluste, bei denen ich gerade kein Wunder suchen möchte.

Meine Freundin fehlt mir. Und das darf für heute einfach so stehen: Dass wir das Leben nicht in der Hand haben.

Dass wir Menschen lieben.

Und dass es weh tut, wenn sie gehen.

Ich hätte sie so gerne noch einmal in die Arme genommen.

_________________________________________________________

 

April 26

Ich bin zurück aus Bali und manches davon ist noch gar nicht richtig „zurück“.

Es gibt Reisen, von denen bringt man schöne Bilder, Erinnerungen und ein bisschen Sand in irgendeiner Tasche mit nach Hause. Und dann gibt es Reisen, die etwas durcheinanderbringen, Fragen hinterlassen und einen noch eine ganze Weile weiter begleiten.

Diese Reise war für mich so eine.

Eigentlich hatte ich vieles geplant. Zwei Gruppen, Palmblattlesungen, Begegnungen und Orte, die ich zeigen wollte. Einiges davon geschah genauso, anderes nahm plötzlich eine vollkommen andere Richtung.

Die erste Bali-Gruppe ist genau rechtzeitig zuhause angekommen.

Kurz danach begann die Situation, durch die plötzlich viele Langstreckenflüge nicht mehr möglich waren. Die zweite Reisegruppe wäre genau in diese Zeit gefallen, in der Flüge über Doha, Singapur und andere Strecken plötzlich ausfielen oder umgeleitet wurden.

 

Und so wurde aus dem geplanten zweiten Retreat etwas ganz anderes.

Ein Geschenk auf eine Weise, mit der ich nie gerechnet hätte.

Ich hatte Zeit, noch tiefer einzutauchen.

Ich wurde noch einmal zu verschiedenen Heilern und Schamanen geführt, habe neue Orte entdeckt, neue Plätze für kommende Reisen gefunden und die Palmblattlesungen, die eigentlich für die zweite Gruppe vor Ort geplant waren, haben wir online gemacht.

Ich hätte vorher nicht gedacht, dass das möglich ist. Aber auch diese Begegnungen waren unglaublich berührend, tief und verbunden, trotz der Entfernung.

Manchmal fügt sich etwas ganz anders, als wir es geplant hatten.

Und manchmal zeigt sich gerade mitten in einer Krise ein neuer Weg, den wir vorher gar nicht sehen konnten.

 

Deshalb gibt es die Palmblattlesungen jetzt auch online: Für Menschen, die nicht mit nach Bali reisen können oder wollen, aber genauso den Ruf spüren, tiefer auf ihre eigene Spur zu schauen, auf ihre Bestimmung, ihre Gaben und auf das, was vielleicht schon lange darauf wartet, ins Leben zu kommen.

 

Wie sehr wir Menschen doch versuchen, das Leben in eine einigermaßen berechenbare Form zu bekommen.

Wir planen, überlegen, sichern ab und hoffen, dass sich das Leben anschließend freundlicherweise an unsere Vorstellungen hält.

Tut es nur leider ziemlich oft nicht. Vielleicht zum Glück.

Denn rückblickend waren es in meinem Leben erstaunlich häufig gerade die Umwege, Unterbrechungen und völlig ungeplanten Wendungen, aus denen später etwas entstanden ist, das ich vorher überhaupt nicht hätte planen können.

Das klingt im Nachhinein natürlich wunderbar weise.

Mittendrin fühlt es sich meistens ungemütlich und viel weniger weise an.

Da wollen wir wissen, wie es weitergeht. Wir wollen eine Entscheidung treffen, die garantiert richtig ist, möchten möglichst keinen Fehler machen und schon gar keine Kontrolle verlieren.

 

Hier ist es interessant, mal genauer zu schauen: Wer in uns braucht eigentlich diese Kontrolle so dringend?

Ist es wirklich unser erwachsenes ICH, das heute entscheiden kann, prüfen kann und auch damit umgehen könnte, wenn etwas anders kommt?

Oder sitzt da noch jemand viel Kleineres am Steuer?

Ein Kind, das sehr früh erfahren hat, dass die Welt eben kein sicherer Ort ist. Dass Mama plötzlich weg sein kann, Papa unberechenbar wird oder niemand kommt, obwohl man jemanden braucht.

Ein Kind, das gelernt hat, sehr genau hinzuschauen, Stimmungen zu lesen, sich anzupassen und möglichst wenig falsch zu machen.

 

Irgendwann nennen wir das dann unsere Persönlichkeit. „So bin ich eben.“

Und es entstehen Muster und (Glaubens-)Sätze daraus wie: "Ich brauche Sicherheit.

Ich kann schlecht loslassen.

Ich muss immer alles im Griff haben.

Ich kann niemandem richtig vertrauen.

Ich kümmere mich lieber selbst darum."

Aber stimmt das wirklich?

Oder sind manche Eigenschaften, mit denen wir uns längst identifiziert haben, irgendwann einmal aus dieser frühen Not entstanden?

 

Diese Frage beschäftigt mich schon lange, und in den Aufstellungen bzw. Selbstbegegnungen der letzten Jahre ist sie für mich noch einmal viel tiefer geworden.

Denn dort begegnen wir immer wieder diesen frühen Entscheidungen, die eigentlich gar keine bewussten Entscheidungen waren.

 

Ein Kind kann seine Familie nicht verlassen. Es kann sich keine andere Mutter suchen, keinen anderen Vater bestellen und auch nicht sagen: „Entschuldigt bitte, dieses Familiensystem entspricht mir nicht, ich ziehe aus.“

 

Es braucht seine Eltern. Also findet es Wege, irgendwie damit klar zu kommen: Es wird lieb und angepasst, wenn Anpassung Zugehörigkeit verspricht. Es wird stark, wenn niemand da ist, an den es sich anlehnen kann und übernimmt Verantwortung, obwohl seine kleinen Schultern dafür überhaupt noch nicht gemacht sind.

Und das Bedrückende dabei ist: Diese Wege funktionieren erstmal, sonst hätten wir daran nicht festgehalten.

Sie haben uns geholfen, durch etwas hindurchzukommen, das damals vielleicht zu groß, zu schmerzhaft oder zu überwältigend war.

Nur vergessen wir irgendwann, dass es nur (Aus-)Wege waren. Wir halten sie für unser Selbst.

 

Von daher berührt mich die Arbeit mit den frühen Wunden immer wieder. Unter all dem Angepassten, Funktionierenden und Kontrollierenden taucht irgendwann wieder etwas auf, das viel ursprünglicher ist:

Das eigene ICH.

Und manchmal ist dieses ICH zunächst ganz klein, ganz leise oder ziemlich wütend darüber, wie lange es übergangen wurde.

Es will möglicherweise überhaupt nicht „geheilt“ werden.

Oft will es endlich „nur“ gesehen und gehört werden.

Vielleicht möchte es sagen: Das war wirklich total schlimm.

Oder: Ich hatte solche Angst.

Und manchmal auch ganz schlicht: Ich wollte das überhaupt nicht.

Ich glaube, wir unterschätzen, wie heilend allein diese Wahrheit sein kann.

 

Wir sind so schnell dabei, aus allem etwas Positives machen zu wollen. Vergeben, loslassen, Frieden schließen, dankbar sein, nach vorne schauen.

Doch eine Wunde braucht keine schöne Geschichte.

Sie braucht zuerst einfach nur Wahrheit. Mit einer ausgesprochenen und gefühlten Wahrheit beginnt für mich schon das „Wunder“.

Das Wunder ist kein glitzernder Zustand, in dem plötzlich alle alten Verletzungen verschwunden sind und wir fortan erleuchtet durchs Leben schweben.

Das wäre zwar praktisch, entspricht nur überhaupt nicht meiner Erfahrung.

 

Das Wunder zeigt sich viel unspektakulärer:

Wenn ein Mensch merkt, dass er Nein sagen darf und die Welt davon nicht untergeht. Wenn eine Frau erkennt, warum sie in Beziehungen immer wieder sich selbst verlässt und dieses eine erste Mal bei sich bleiben kann. Oder wenn jemand auf Mutter oder Vater schauen und allmählich unterscheiden kann, was zu ihnen gehört und was zum eigenen Leben.

Solche Momente meine ich, wenn ich sage:

Wie aus Wunden Wunder werden.

 

Während ich diese Zeilen schreibe, ist unsere jetzige Wundergruppe mitten auf ihrem gemeinsamen Weg. Wir begegnen darin den frühen Wunden rund um Mutter und Vater, den Erfahrungen von Bindung und Beziehung und den Schutzstrategien, die einmal gebraucht wurden und heute noch unser Leben mitbestimmen.

Und jedes Mal berührt mich, was geschieht, wenn Menschen über einen längeren Zeitraum miteinander gehen, sich in ihren Selbstbegegnungen zeigen und erleben, dass sie mit ihrer Geschichte nicht allein sind.

 

Aus vielen berührenden Momenten und einigen Anfragen ist der Wunsch gewachsen, mein Wissen und vor allem meine Erfahrung aus mehr als 25 Jahren Begleitung weiterzugeben.

Denn ich glaube, wir brauchen Begleiter, die gelernt haben, bei einer Wunde zu bleiben, ohne sofort daran herum zu reparieren.

Menschen, die einen Prozess lesen können und gleichzeitig wissen, wann sie besser nichts tun.

Menschen, die verstehen, dass ein Körper manchmal längst erzählt, wofür der Mensch selbst noch keine Worte hat.

 

Ich will gerne weitergeben, was ich in den vielen Jahren Begleitung gelernt und erfahren habe. Und dabei merke ich, dass es mir um etwas geht, das sich gar nicht so leicht in Methoden und einzelne Ausbildungsschritte packen lässt.

Denn natürlich kann man lernen, wie eine Aufstellung aufgebaut wird, wie man mit einem Anliegen arbeitet und worauf man bei Trauma und frühen Bindungsverletzungen achten sollte. Das ist wichtig und gehört zum Handwerk.

Doch irgendwann kommt in jeder Begleitung der Punkt, für den es keine Anleitung gibt.

Ein Mensch sitzt vor Dir und der Prozess nimmt eine vollkommen andere Richtung als erwartet. Der Körper erzählt etwas, wofür noch keine Worte da sind. Ein Anteil zieht sich zurück, ein anderer drängt nach vorne, und plötzlich hilft Dir kein Ablaufplan mehr.

 

Dann brauchst Du etwas anderes, nämlich ein Gespür dafür, was gerade wirklich geschieht, und gleichzeitig unterscheiden lernen, was zu Deinem Gegenüber gehört und was in Dir selbst berührt wird. Du brauchst Vertrauen in den Prozess und die Fähigkeit, auch einmal nichts zu tun, wenn genau das richtig ist.

Vielleicht ist das einer der wichtigsten Unterschiede zwischen einer Methode anwenden und einen Menschen wirklich begleiten.

 

Daraus ist die Wunde(R)Aufstellung entstanden.

Sie verbindet vieles, was mich selbst über all die Jahre geprägt hat und inzwischen ganz selbstverständlich in meine Arbeit einfließt. Vieles davon habe ich gelernt. Anderes habe ich erst durch die Menschen verstanden, die mir in meiner Praxis und in den Gruppen ihr Vertrauen geschenkt haben. Und manches musste ich am eigenen Leib erfahren, bevor ich wirklich begriffen habe, was es bedeutet.

Deshalb gehört die eigene Selbstbegegnung für mich von Anfang an dazu.

Denn unsere eigenen Wunden verschwinden nicht dadurch, dass wir eine Ausbildung machen. Sie sitzen mit im Raum, wenn wir einen anderen Menschen begleiten. Unsere Sehnsucht zu helfen sitzt dort genauso wie unsere Angst, etwas falsch zu machen, unser Wunsch gebraucht zu werden oder die Ungeduld, wenn ein Mensch einen ganz anderen Weg nimmt, als wir ihn für richtig halten.

Je besser wir uns darin kennen, desto freier können wir den anderen SEIN lassen.

 

In die Ausbildung fließt vieles ein, was meinen eigenen Weg geprägt hat: Psychologie, systemische Aufstellungsarbeit, Familienaufstellung, IoPT und Traumaarbeit, mein Wissen über den Körper und das Nervensystem und auch die spirituelle Dimension unseres Menschseins.

Vor allem aber gehört für mich die eigene Erfahrung dazu.

Denn wie wollen wir einen anderen Menschen durch tiefe seelische Prozesse begleiten, wenn wir unsere eigenen Wunden und Schutzstrategien kaum kennen?

Deshalb ist diese Aus-Bildung eigentlich eher eine Innen-Bildung: sie beginnt bei der eigenen Selbstbegegnung und wächst von dort in das Begleiten anderer Menschen hinein.

Für mehr Informationen dazu schreib mir gerne.

 

Und während all das weitergeht, sind wir mitten in der Planung für Bali 2027.

Nach allem, was ich in diesem Jahr erlebt habe, kommt mir das schon ver-rückt vor: wieder Pläne zu machen, obwohl ich doch gerade so eindrücklich erfahren habe, wie wenig sich das Leben darum kümmert.

Und doch geht es ja genau darum in all unserem Wirken: dass die Wunde nicht das Ende ist, sondern der Ort, an dem das Wunder beginnt. Dass aus dem, was zerbrochen scheint, etwas Heil-(ig)es wächst.

 

Sei eingeladen, Dich auf die Reise zu begeben.

Und bitte vergiss nicht, dazwischen die Menschen zu umarmen, die Du liebst.

Denn das Leben ist immer JETZT.

Herz-L-ICH-t,

Claudia

 


 
 
 

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